Reformation in Borgeln, Kap. 6

Dr. Roland Götz: „Borgeln erstreitet die Reformation“,

Ein Vortrag zum Stiftungsfest 2017 in Borgeln, gehalten am 5. März 2017 in der Dorfkirche zu Borgeln

Leben oder Sterben

Die Situation in Soest blieb bis in den Mai hinein gespannt. Das können Sie in dieser Kirche sehen. (An der Inschrift rechts neben der Kanzel: „Wy wylt by dem Evangelio leven und sterven“). In Soest hatten fünf Männer im Weinhaus randaliert und eine Schlägerei angefangen, weil es bei der Vergabe der Stadtwage Getränke nicht mehr umsonst gab wie zuvor. Der Rat befürchtete neue Unruhen und verurteilte die Randalierer mit dem Einverständnis der Zünfte zum Tode. Für ein Bagatelldelikt war das ein viel zu hartes Urteil. Es sollte auf dem Marktplatz vollstreckt werden.

Der Webermeister Johann Schachtrup wollte als erster mit dem Schwert enthauptet werden. Und rief: „Leyven borgers, ich bidde ju […] eyn ynnig Pater noster to sprecken, dat uns goth wyll genedich syn, wy wylt by dem evangelio leven und sterven.“ Der Scharfrichter war betrunken und verletzte Schachtrop nur an der Schulter. Dieser starb an seiner Verletzung. Das grausam Ergeignis führte dazu, dass schließlich die vier anderen Randalierer begnadigt wurden. Schachtrop gehörte zu den Eidgesellen, die sich schon früh mit Luthers Schriften befasst hatten. Er wurde aber nicht wegen seines Glaubens, sondern wegen der Schlägerei zum Tode verurteilt.

Es ist verständlich, dass der katholische Pfarrer Groithmann in der antikatholisch aufgeladenen Situation Borgeln in der Karwoche 1533 verlassen hatte und nach Lippstadt geflohen war. Auch sein Amtsbruder in Welver war gleichzeitig ins katholische Ausland nach Werl geflohen, weil auch er um sein Leben fürchtete.

In seinem Zufluchtsort Lippstadt, einem Hort der Reformation, schaffte es Groithmann zusammen mit seinen Verwandten, dass der dortige Rat sich in einer Bittschrift (10. April) an den Soester Rat für Groithmann einsetzte. Das war nur möglich, weil Groithmann vorgab, evangelischer Geistlicher zu werden. Er bekundete die Absicht, einen aufrechten Prädikanten einzusetzen, der sich an die Soester Kirchenordnung von 1532 halten werde. Groithmann gab sogar vor, sich von diesem Prädikanten und auch anderen unterrichten lassen, damit er Übung darin bekomme, „gruntlichen gotz worth tho predigen“. Angesichts dieses Gesinnungswandels, bat der Lippstädter Rat die Soester Ratsherrn Groithmanns „vielfältigen Schaden [zu] beherzigen und den armen Mann wieder ungefährdet bei seiner Kirche und Nahrung [zu] lassen.“

Der Rat reagierte nicht auf die Bittschrift aus Lippstadt. Er wartete ab, wie sich die konfessionellen Verhältnisse in Borgeln entwickelten, zumal dort bereits ein evangelischer Prediger tätig war.

Groithmann hingegen machte dem Rat eine konstruktive Mitteilung. Er erklärte sich bereit, einen evangelischen Vizekuraten auf seine Kosten anzustellen. Dieser „solle godts worth lutter und reyne dem volke mynes kerspels fordragen“ und sich mit ihm vertragen und von seinen Einkünften besoldet werden. Er schlug dazu nicht Huttinghaus, sondern einen anderen vor. Da sorgte der Rat für klare Verhältnisse und anerkannte (19. November) Hüttinghaus als Prediger von Borgeln mit der Begründung, dieser habe einen Vertrag vorgelegt, aus dem sein Anspruch auf die Pfarrei hervorgehe.

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