Reformation in Borgeln, Kap. 7

Dr. Roland Götz: „Borgeln erstreitet die Reformation“,

Ein Vortrag zum Stiftungsfest 2017 in Borgeln, gehalten am 5. März 2017 in der Dorfkirche zu Borgeln

Der altgläubige Pfarrer protestiert – und verliert


Damit war Groithmanns Hinwendung zum Protestantismus gescheitert. Umgehend protestierte er (3. Dezember 1533). Er zweifelte den von Hüttinghaus vorgelegten Vertrag an, den dieser begleitet von seinem Bruder, Schwager und Vetter bei dem Gericht des Rates abgeschlossen hatte. Dieser – leider nicht mehr vorhandene – Vertrag vermerke sein, Groithmanns, Einverständnis mit der Übertragung der Pfarre. Das sei eine Lüge. Und nun argumentiert er wieder ganz als katholischer Geistlicher: Er spricht sowohl jenem Gericht als auch dem Rat das Recht ab, über seine Pfründe zu verfügen. Denn für ihn dürfe nur das Gericht des Patroklistiftes Recht sprechen, und dieses existiere zur Zeit nicht.

Gleichwohl sei er zu einer Anhörung in Soest bereit, wenn ihm und seinen Begleitern schriftlich freies Geleit zugesichert werde.

Der Rat ließ sich neun Monate Zeit, bis er Groithmann mitteilte, dass er sein Protestschreiben gegen den Prädikanten Hüttinghaus gelesen und diesen darüber informiert habe, „de sich vil dar widder let horen“. Schließlich lud der Rat die Kontrahenten zu einem Schlichtungstermin ein, um die Streitigkeiten zu bereinigen. Er sicherte Groithmann das von ihm gewünschte freie Geleit zu, obwohl das nicht nötig sei.

Der Schlichtungsversuch beim Rat in Soest scheiterte. Daraufhin attackierte Groithmann 1535 die Kirchmeister und die Gemeindemitglieder heftig in zwei an sie adressierte Briefe. Er warf ihnen vor, sie hätten den meineidigen dahergelaufenen Mönch geholt und ihn in sein Pfarrhaus gesetzt, drohte ihnen, dass seine Freunde ihnen den Schaden zufügen würden, den er erleiden musste, und kündigte an, dass er gegen Hüttinghaus vor dem zuständigen geistlichen Gericht vorgehen werde. Das tat er nicht. Die Sache verlief im Sande und Hüttinghaus konnte unbehelligt sein Amt als Prädikant ausüben. Groithmann blieb Borgeln fern.

So hatte die Gemeinde in Borgeln die Reformation zusammen mit Hüttinghaus durchgesetzt, der sich zweimal unwahr mit wichtigen Instanzen der Soester Reformation legitimiert und vielleicht auch einen fragwürdigen Vertrag vorgelegt hatte. Sein Gegner Groithmann dagegen hatte mit seiner Nähe zum Protestantismus taktiert. Auch standen ihm provozierend viele Vorräte zur Verfügung. Unglaubwürdigkeit und Wohlleben könnten Gründe für die Feindschaft seiner Gemeinde gewesen sein.

Die Reformation war aber weder in Borgeln noch in Soest gesichert. Denn der Herzog von Kleve, der Landesherr von Soest, hatte im Krieg gegen die evangelischen Fürsten auf der Seite des siegreichen katholischen Kaisers gekämpft. Deshalb musste in Soest und der Börde ab 1548 für vier Jahre wieder das katholische Bekenntnis eingeführt werden (Interim). Deshalb musste Hüttinghaus Borgeln verlassen. Wahrscheinlich ging er nach Lübeck.

Und hartnäckig kehrte Groithmann zurück als katholischer Pastor. Bei seiner Ankunft wurde er mit Steinen beworfen. Der Steinewerfer verschwand im Küsterhaus, war also ein Anhänger von Hüttinghaus. Wahrscheinlich hat die Feindseligkeit der Evangelischen bewirkt, dass Groithmann alsbald auf seine Pfarrei verzichtete. Noch 1548 erhielt Johann Kaick die Pfarrei Borgeln als Pfründe vom Patroklistift. Sebastian Wulf aus Werl war sein Vizekurat, mit dem das Kirchspiel voll zufrieden war, weil er das Wort Gottes lauter und rein predige und das Abendmahl gemäß der Einsetzung Christi, also mit Brot und Wein, reichte. Deshalb wollte ihn der katholische Pastor Kaick absetzen. Dagegen wehrten sich Kirchmeister und Gemeinde. Sie teilten 1558 dem Rat und den Bürgermeistern mit, dass sie wegen ihrer „selen sellicheit“ und in Rücksicht auf ihre Kinder und ihr Gesinde evangelisch bleiben wollten. Damit keine Unruhe im Kirchspiel entstehe, ersuchten sie den Rat für die Beibehaltung des evangelischen Bekenntnisses in ihrer Gemeinde zu sorgen. Andernfalls würde das ganze Kirchspiel sich dagegen so wehren, wie es dem Rat ja von früher bekannt sei. Das war ein drohender Hinweis auf die Art der Durchsetzung des Prädikanten Hüttinghaus. Dieser wirkte so auf den Rat, dass er die drohende Bittschrift sofort an Kaick weiterleitete mit der dringenden Empfehlung, die bestehenden Gegebenheiten nicht zu verändern So ist Wulf bis zu seinem Tod 1661 Prädikant in Borgeln geblieben.

Der katholische Pastor Kaick war schließlich um 1560 selbst evangelisch geworden wegen der lutherischen Opposition in seinem Kirchspiel und auch aus Überzeugung. Dass er aber den Anforderungen an einen evangelischen Prädikanten noch nicht gewachsen war, zeigt sein Widerstand gegen eine Maßnahme des Superintendenten und des Rates zur Qualitätssicherung. Diese hatten im Sommer 1574 für die Prediger in der Börde eine jährliche Zirkularpredigt in der Petrikirche und ein Examen durch den Superintendenten angeordnet. Dieser wollte sich ein Bild davon machen, „wie ein jeder seine befohlene Schafe versorge“, und bewirken, „daß sie alle sämtlich zum Fleißigen studio erweckt werden, sintemal ihrer etliche mehr Zeit auf Ackerwerk u(nd) weltliche Händel denn auf die Bibel u(nd) den Kirchendienst wenden.“ Gegen diese Überprüfung sträubte sich am meisten Kaick. Trotzdem musste er wie seine Kollegen die Predigt halten. Er „kriegte […] viel correctiones“ von dem Superintendenten.

Nach Kaick (1587) amtierten in Borgeln unangefochten qualifizierte evangelische Geistliche. Für sie exisitierte ein verbindliches Anstellungsverfahren: Examen und Ordination durch die Synode, deren Zustimmung zur Berufung und Amtsübertragung durch den Rat. Zudem musste der Probst des Patroklistiftes die Kollation, die Erlaubnis zur Nutzung des Kirchengutes, erteilen. Auch das Studium an einer protestantischen Universität kam hinzu. Zunehmend wurde die Bezeichnung Pfarrer üblich.

In Borgeln gab es also seit 1532 mit einer kurzen Unterbrechung um 1548 evangelischen Gottesdienst, nämlich einen Gottesdienst mit einer für die einfache Bevölkerung verständlichen Predigt, deutschen Liedern, deutschen Gebeten und einem Abendmahl mit Brot und Wein. Das war nur möglich, weil die Gemeinde die Reformation gewollt und unnachgiebig erstritten hatte.

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