Als die Borgeler Schützen einmal ihr Tanzzelt verkaufen wollten

Ein Fundstück aus der Zeitung von 1868, eine Borgeler „Sach- und Lachgeschichte“ möchte ich euch heute präsentieren. Was war da los, als die Borgeler ihr Schützenzelt verkaufen wollten und dann doch nicht? Ein Schildbürgerstreich aus der Börde?

Dass die Kleinanzeigen zu den interessantesten Teilen einer Zeitung ge-hören, gilt bis heute, auch im Zeitalter von eBay. Im 19. Jahrhundert nahmen die Anzeigen den größeren Teil des Soester Anzeiger ein und sind eine ergiebige Quelle für die Ortsgeschichte. Dem genauen Leser erschließt sich ein lebendiges Bild des Alltags einer Zeit, die der unsrigen so fern und doch so nah ist.

Am Freitag, den 8. Mai 1868 konnten die Leser des Soester Anzeigers folgende Notiz lesen:

Samstag, den 16. Mai, Nachmittags 4 Uhr, soll bei dem Gastwirth Hohoff in Berwicke, das dem Schützenverein des Kirchspiels Borgeln gehörende Tanzzelt, sowie die auf der Haselhorst stehende Vogelstange öffentlich an den Meistbietenden verkauft werden, wozu Kauflustige sich zur bestimmten Stunde einfinden wollen.
Der Vorstand 1)    Soester Anzeiger, Freitag 8. Mai 1868 (Nr. 37), S. 4

Vier Tage später, in der nächsten Ausgabe der Zeitung, folgte die Rücknahme:

Der auf Sonnabend den 16. d. Mts., anberaumte Termin zum Verkaufe des Borgeler Schützen-Tanzzeltes, sowie der Vogelstange, wird hiermit aufgehoben.
Der Vorstand 2)    Soester Anzeiger, Dienstag, 12. Mai 1868 (Nr. 38), S. 3

Im Sommer 1868 lag die Gründung des Schützenvereins des Kirchspiels Borgeln fast vierzig Jahre zurück. Um 1830 war der Verein gegründet worden, wohl auf Initiative des Gutsbesitzers auf Borghausen, Franz von Klocke, und in Kooperation mit benachbarten Vereinen. Die Schützengesellschaft im benachbarten Dinker etwa kann als Parallelgründung angesehen werden. 3)    Vgl. Anon. Heinrich Varnholt u. Heinrich Schäfer: Schützenverein Borgeln e. V. 150 Jahre 1830 – 1980. Festschrift zum 150jährigen Jubiläum, Borgeln 29. – 31. 8. 1980, o. O. Borgeln, o. J. 1980, S. 41. Der Gründungsgeschichte und der Rolle der Schützenvereine wollen wir später genauer nachgehen: Welche Aufschlüsse über soziale und kommunikative Netzwerke in einer ländlichen Gesellschaft lassen sich über die Geschichte der Schützenvereine gewinnen?

Das Schützenfest vor einhundertfünfzig Jahren in der Soester Börde war nicht wie heute das Fest „eines Dorfes“, sondern des ganzen Kirchspiels. Wie in einer Prozession kamen die Gruppen aus allen Dörfern des Kirchspiels zusammen. (A propos Prozession: Im evangelischen Borgeln findet das Schützenfest heute stets am Fronleichnamstage statt.) Auf den Vogel wurde auf der Haselhorst, am Rande der Siedlung, geschossen. – Und das Zelt sollte im benachbarten Berwicke versteigert werden. Die Gastwirtschaft Hohoff war der übliche Veranstaltungsort für die landwirtschaftlichen Versteigerungen im 19. Jahrhundert.

Ich stelle mir vor, dass vielleicht Zwistigkeiten unter den Schützen der Anlass für die offenkundig zunächst geplante Versteigerung waren. Hatte man sogar an eine Auflösung des jungen Vereins gedacht? Oder sollte einfach nur ein neues Zelt angeschafft werden, für das schließlich doch das Geld ausging? Mir gefällt der Gedanke am besten, dass ein bierseliger Borgeler Schalk die Hände im Spiel hatte …

Wie dem auch sein mag: Das Schützenfest des Jahres 1868 konnte wie geplant vier Wochen später, am Freitag den 12. und Sonntag 14. Juni stattfinden. Dieses Jahr feierten die Schützen des Kirchspiels in Berwicke.

 

 

 

Fußnoten   [ + ]

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