Reformation in Borgeln, Kap. 1

Dr. Roland Götz: „Borgeln erstreitet die Reformation“

Ein Vortrag zum Stiftungsfest 2017 in Borgeln, gehalten am 5. März 2017 in der Dorfkirche zu Borgeln

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gemeindeglieder und liebe für die Ortshistorie Interessierte und Engagierte!

In diesem Jahr wird das 500jährige Jubiläum der Reformation weit über Deutschland hinaus gefeiert. Damit wird auf das Jahr 1517 Bezug genommen, das Jahr der 95 Thesen Martin Luthers.

Hier in Soest und Borgeln feiern wir jedoch zu früh, 14 Jahre zu früh. Erst 1531, als die Reformation in vollem Gange war, kam es in Soest und in der Börde, und in dieser zuerst in Borgeln, zu reformatorischen Aktionen.

Deshalb muss ich etwas zurückblicken. Was war vorher geschehen?

Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Wahrscheinlich hat er sie auch gleichzeitig mit dem Hammer an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt. Luther war damals 34 Jahre alt, gehörte dem strengen Bettelorden der Augustinereremiten an, lehrte Bibelwissenschaft an der neugegründeten Universität Wittenberg und las als Priester in mehreren Kirchen die Messe.

Die 95 Thesen richteten sich gegen den Ablass, also den Erlass von Sündenstrafen, wie er damals praktiziert wurde. Und zwar wurde den Menschen durch Erwerb eines Ablassbriefes die Möglichkeit geboten, nach ihrem Tod die Dauer der Qualen im Fegefeuer je nach Geldzahlung zu verkürzen oder diese ganz zu vermeiden. Das Fegefeuer galt als eine Art Vorhölle, ein schmerzlicher Ort der Gottesferne, in dem die bei Lebzeiten begangenen Sünden abzubüßen waren.

Der Erzbischof von Magdeburg, also Luthers Vorgesetzter, wollte auch Erzbischof von Mainz werden, und dafür musste er eine immense Summe an den Papst bezahlen. Das Geld lieh er sich beim Bankhaus der Fugger in Augsburg. Um seine Schulden abzubezahlen, ließ er in großem Stil den Erwerb von Ablassbriefen propagieren. Dem bekanntesten Ablassprediger (Tetzel) wird der Spruch zugeschrieben, „die Münze in dem Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Man konnte sich so direkt in den Himmel einkaufen, und nicht nur für sein eigenes Seelenheil sorgen, sondern auch für dasjenige bereits Verstorbener. Von dem Erlös des Verkaufs bekam der Papst Geld für den Bau des Petersdoms, und der Erzbischof zahlte damit seine Schulden bei den Fuggern ab.

Diese Auswüchse des Umgangs mit dem Ablass kritisierte Luther in seinen Thesen. Er verneinte, dass durch einen bezahlten Ablassbrief Sünden vergeben und Strafen im Fegefeuer vermieden werden könnten, Vergebung sei durch Reue und Buße und nicht durch Geld zu erwerben.

Die 95 Thesen waren in Latein verfasst und richteten sich nicht an die Öffentlichkeit, sondern sollten eine Diskussion unter den gelehrten Theologen bewirken. Obwohl nun Wittenberg eine relativ unbedeutende Stadt war, die wie Luther selbst sagte, „am Rande der Zivilisation“ lag, waren seine Thesen die „Initialzündung ‚der‘ Reformation“ (Kaufmann). In Stichworten: Der für Luther zuständige Erzbischof von Magdeburg und Mainz ließ in Rom einen Ketzerprozess gegen ihn einleiten. Luther wurde von einem Bevollmächtigten des Papstes (Cajetan) verhört (1518), mit einem renommierten Theologieprofessor disputierte er drei Wochen lang in Leipzig über seine Auffassungen. In diesen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern und in Erwartung des drohenden päpstlichen Urteils entwickelte Luther seine Theologie weiter und veröffentlichte Schlag auf Schlag die großen Reformschriften (1520). Er schrieb buchstäblich um sein Leben. Den Papst bezeichnete er als bösartigen Antichrist, der die Gläubigen zusammen mit den kirchlichen Amtsträgern ausbeute. Er verwies auf die „Freiheit eines Christenmenschen“, dem die Sünden allein durch seinen Glauben und Gottes Gnade vergeben werden, unabhängig von guten Werken und Geldzahlungen.

Dank des vor kurzem erfundenen Buchdrucks erzielten Luthers Schriften ungeheuerliche Verbreitungserfolge im Deutschen Reich und darüber hinaus. Luther wurde der meist gelesene Theologe, gleichsam ein Medienstar. Dank seiner Schriften entstand eine reformatorische Bewegung.

Als Luther Ende 1520 das Dokument des Papstes mit seiner Verurteilung als Ketzer und seinem Ausschluss aus der Kirche erhielt, verbrannte er dieses. Er war nun vollständig rechtlos. Es gab Beispiele, dass verurteilte Ketzer samt ihrer Schriften verbrannt wurden.

Sein Landesherr erreichte, dass Luther eine letzte Gelegenheit zum Widerruf gegeben wurde, und zwar an höchster Stelle vor dem Kaiser und dem Reichstag in Worms 1521. Dafür war ihm freies Geleit zugesichert worden. Sie wissen: Luther widerrief nicht und soll gesagt haben: „Hier stehe ich und kann nicht anderst,… Gott helff mir, Amen.“ Damit war er der Reichsacht verfallen, jeder hätte ihn töten können. Weil sein Landesherr dem freien Geleit nicht traute, täuschte er eine Entführung vor und ließ ihn auf die Wartburg bringen, wo er acht Monate unerkannt als Junker Jörg lebte, weiter schrieb und auch das Neue Testament übersetzte. Nach einem knappen Jahr trat er in Wittenberg wieder an die Öffentlichkeit, 1524 „legte er die Mönchskutte ab“ und heiratete 1525 Katharina von Bora.

1530 hatte der junge Kaiser vor, die Einheit der Kirche wieder herzustellen. Das sollte auf der höchsten Bühne des Reiches geschehen, und zwar auf dem Reichstag in Augsburg. Die sich bekämpfenden Lager wurden aufgefordert dort ihre Überzeugungen vorzutragen. Weil Luther aber nach wie vor um sein Leben fürchten musste, beauftrage er seinen Freund und Nachbarn Philipp Melanchthon, die Grundauffassungen der Evangelischen vorzutragen, das sogenannte Augsburger Bekenntnis. Geschickt werden darin zunächst Übereinstimmungen der evangelischen Lehre mit den altkirchlichen Positionen aufgezeigt und dann die Unterschiede aufgeführt. Zum Beispiel: Austeilen von Brot und Wein beim Abendmahl, Vergebung der Sünden durch den Glauben und nicht wegen der Werke, Ehe der Priester, Ablehnung der Klostergelübde. Dieses reformatorische Bekenntnis wurde auf dem Reichstag vorgelesen und dem Kaiser in deutscher und lateinischer Sprache übergeben. Dieser verwarf es und brach den Reichstag ab. Dass das Augsburger Bekenntnis auf dem Reichstag proklamiert und sogar noch von einer ganzen Reihe von Landesherren und Städten unterzeichnet wurde, war ein einschneidendes Ereignis. Die Kirchenspaltung war vollzogen und die Reformation an die Landesherren gebunden.

Soest: Sturmglocken läuten

Erst jetzt wurde auch die Stadt Soest von der Reformation erfasst, und weil die Börde zu ihrem Herrschaftsgebiet gehörte, wurde die Soester Stadtreformation auch für die Börde wichtig. Am 20. November 1531 schlug der Dominikanermönch Thomas Borchwede ein Blatt mit 22 Thesen an die Türen des Patroklimünsters und der Paulikirche, das von zwei Mitbrüdern mit unterzeichnet war. Diese handschriftlichen Thesen waren in der Volkssprache verfasst und eindeutig an dem Augsburger Bekenntnis orientiert: z. B. „der Glaube ohne Zutat der Werke macht gerecht“, „das Fegefeuer ist eine Erfindung der Menschen.“ Die Thesen leiteten den Durchbruch der Reformation in Soest ein.

Am Donnerstag, den 21. Dezember 1531, dem Thomastag, kam es zum Aufstand in der Stadt. Ein evangelisch eingestellter Prediger (Wulf von Kampen) hatte morgens in St. Pauli gepredigt, und als er nachmittags in der Petrikirche predigen wollte, ließ ihn der Rat verhaften, weil er von auswärts gekommen war und das vom Rat erlassene Predigtverbot für Auswärtige missachtet hatte. Trommeln wurden geschlagen und die Sturmglocken geläutet. Drei bis viertausend („gemeyne“) Bürger versammelten sich auf dem Petrikirchhof und einige Schützenbruderschaften mit ihren Fahnen kamen dazu. Der evangelische Prediger wurde befreit, die Aufständischen nahmen die Stadtschlüssel an sich und die beiden Bürgermeister gefangen. Häuser von Geistlichen wurden geplündert. Das berichtet das Ratsprotokollbuch.

Am nächsten Tag versammelte sich die Bürgerschaft auf dem Petrikirchhof nach den Hofen, den sechs Stadtbezirken, geordnet. Ein Ausschuss von 24 Männern, nämlich sechs pro Stadtbezirk, wurde gebildet. Diese Vertretung der gesamten Bürgerschaft verhandelte nun mit dem Rat, mit dem Ziel, die Reformation einzuführen. Am Samstag (23. 12) zogen die Bürger vom Petrikirchhof in das Patroklimünster. Dort einigte man sich: Die Bürgermeister schworen, die Aufrührer nicht zu verfolgen und „by dem wort gotz to blyven levendig und doit.“ Die Stadtschlüssel erhielten sie nun zurück. Die Bürger schworen ihrerseits, den Rat anzuerkennen. In dem wohl von Borchwede verfassten sogenannten Bundbrief wurden die Verhandlungsergebnisse im Namen der Zünfte der Handwerker und der kleineren Kaufleute festgehalten. Danach musste in allen Soester Kirchen so gepredigt werden wie in Wittenberg, Nürnberg und einer Reihe anderer Städt. Da aber in den Soester Kirchen „unerfahrene Prediger, Mönche und Pfaffen“ dazu nicht fähig seien, habe der Rat diese ab- und evangelische Prediger, sogenannte Prädikanten, einzusetzen, die Gottes Wort „klar und ohne alle menschlichen Sätze“ predigen mussten. Also in der Alltagssprache und nicht mehr in Latein. Dieses Dokument wurde von den Mitgliedern des Rates, dem die Oberschicht angehörte, unterschrieben.

Damit war der städtische Frieden wiederhergestellt und die Reformation eingeführt. Dies war gelungen, weil die Mehrzahl der Bürger dafür gekämpft hatte und dem Rat nichts anderes übrigblieb, als zuzustimmen. Der Rat ging aus den Auseinandersetzungen gestärkt hervor, er war nun nicht nur für Politik zuständig, sondern auch für Kirchensachen. Umgehend ließ er eine Kirchenordnung erstellen, die im Frühjahr 1532 an vier Tagen der Bürgerschaft vorgelesen wurde. Ein Superintendent wurde eingesetzt.